Warum wir andere Menschen so häufig als Richter über uns betrachten – und dabei vergessen, dass sie selbst etwas erhoffen.
Benjamin Trinidad Segura
6 Min. Lesezeit
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Über Vorstellungsgespräche, erste Begegnungen und die merkwürdige Angewohnheit, uns selbst durch die Augen anderer zu betrachten.
Manchmal verändern sich Situationen nicht dadurch, dass wir selbstbewusster werden. Sondern dadurch, dass wir für einen Moment aufhören, nur an uns selbst zu denken.
Wer beurteilt hier eigentlich wen?
Stell dir vor, du sitzt vor einem Vorstellungsgespräch.
Du hast dich vorbereitet, deinen Lebenslauf noch einmal durchgelesen, dir mögliche Fragen überlegt und vielleicht sogar eine Antwort auf die Frage zurechtgelegt, wo du dich in fünf Jahren siehst.
Eine Frage, auf die vermutlich nicht einmal der Mensch, der sie dir gleich stellen wird, eine wirklich überzeugende Antwort hätte.
Aber gut.
Du sitzt da, wartest und hoffst, dass du einen guten Eindruck hinterlässt.
Dass du sympathisch wirkst. Kompetent. Interessant genug.
Dass du die richtigen Dinge sagst und möglichst wenig von dem, was du später auf dem Heimweg bereuen könntest.
In deinem Kopf sitzt auf der anderen Seite des Tisches jemand, der dich beurteilen wird.
Jemand, den du überzeugen musst.
Aber hast du schon einmal darüber nachgedacht, was dieser Mensch gerade denkt?
Vielleicht sitzt dort jemand, der seit Wochen versucht, eine offene Stelle zu besetzen. Der unzählige Lebensläufe gelesen, Gespräche geführt und Absagen verschickt hat.
Vielleicht ist sein Team überlastet. Vielleicht wartet ein Kollege dringend auf Unterstützung. Vielleicht steht er selbst unter Druck.
Und vielleicht denkt dieser Mensch, kurz bevor du den Raum betrittst:
Bitte lass das heute endlich die richtige Person sein.
Während du also hoffst, dass sie dich mögen, hoffen sie möglicherweise, dass du genau der Mensch bist, den sie suchen.
Ihr sitzt im selben Raum.
Mit unterschiedlichen Erwartungen.
Aber vielleicht mit derselben Hoffnung.
Wir machen andere Menschen größer, als sie sind.
Ich finde diesen Gedanken interessant, weil er weit über Vorstellungsgespräche hinausgeht.
Nehmen wir ein erstes Date.
Du überlegst, was du anziehen sollst, welche Gesprächsthemen interessant sein könnten und ob du dich vielleicht ein bisschen anders verhalten solltest, als du es normalerweise tun würdest.
Schließlich möchtest du gefallen.
Du möchtest, dass dein Gegenüber dich interessant findet.
Und während du versuchst, möglichst wenig falsch zu machen, übersiehst du etwas ziemlich Offensichtliches:
Die andere Person hat sich ebenfalls für dieses Treffen entschieden.
Vielleicht hat sie sich dieselben Gedanken gemacht. Vielleicht ist sie genauso nervös. Vielleicht hofft sie ebenfalls, endlich jemanden kennenzulernen, bei dem sie sich nicht verstellen muss.
Trotzdem betrachten wir solche Begegnungen häufig wie eine Prüfung.
Als würde eine Person entscheiden, ob die andere gut genug ist.
Dabei geht es doch eigentlich darum, herauszufinden, ob zwei Menschen zueinander passen.
Nicht darum, wer wen überzeugen kann.
Und erst recht nicht darum, wer sich am erfolgreichsten als jemand anderes verkauft.
Das Publikum ist nicht dein Gegner.
Ähnlich verhält es sich, wenn wir vor anderen Menschen sprechen.
Eine Präsentation. Ein Vortrag. Vielleicht eine Idee, von der wir selbst überzeugt sind, die wir aber zum ersten Mal öffentlich aussprechen.
Plötzlich sitzt da ein Publikum.
Und dieses Publikum verwandelt sich in unserem Kopf erstaunlich schnell in eine Gruppe potenzieller Kritiker.
Was, wenn ich mich verspreche?
Was, wenn jemand merkt, dass ich nervös bin?
Was, wenn meine Idee gar nicht so gut ist, wie ich dachte?
Dabei sind viele Menschen im Publikum aus einem ziemlich einfachen Grund dort:
Sie möchten etwas mitnehmen.
Eine interessante Geschichte hören. Etwas lernen. Einen neuen Gedanken entdecken. Vielleicht sogar überrascht werden.
Natürlich gibt es Menschen, die kritisch zuhören. Die anderer Meinung sind oder Fehler erkennen.
Und Aufmerksamkeit ist nicht automatisch ein Urteil.
Manchmal sitzen vor uns einfach Menschen, die hoffen, dass sich ihre Zeit lohnt.
Das ist eigentlich eine schöne Vorstellung.
Vielleicht geht es gar nicht so sehr um dich.
Was mich an diesen Beispielen beschäftigt, ist nicht die Erkenntnis, dass alle Menschen heimlich unsere größten Fans sind.
Das wäre schön.
Aber auch ziemlich naiv.
Natürlich werden wir beurteilt. Natürlich gibt es Ablehnung. Natürlich passen wir nicht zu jedem Menschen, jeder Stelle oder jeder Situation.
Und manchmal gibt es tatsächlich Menschen, die uns nichts Gutes wünschen.
Darum geht es mir nicht.
Es geht um die Perspektive, mit der wir anderen begegnen.
Wir sind die Hauptfigur unseres eigenen Lebens. Wir erleben unsere Gedanken, kennen unsere Unsicherheiten und wissen, welche Bedeutung bestimmte Situationen für uns haben.
Von anderen Menschen sehen wir dagegen meistens nur einen kleinen Ausschnitt.
Ihre Mimik. Ihre Worte. Ihr Verhalten.
Und aus diesen wenigen Informationen bauen wir uns Geschichten darüber, was sie wohl über uns denken.
Oft sind diese Geschichten erstaunlich wenig schmeichelhaft.
Vielleicht findet er mich langweilig.
Vielleicht hält sie mich für inkompetent.
Vielleicht denken alle, dass ich hier nicht hingehöre.
Aber woher wissen wir das eigentlich?
Wir wissen nicht, was sie beschäftigt, welche Erwartungen sie mitbringen oder welche Unsicherheiten sie gerade selbst zu verbergen versuchen.
Trotzdem behandeln wir unsere Vermutungen manchmal wie Tatsachen.
Und plötzlich reagieren wir nicht mehr auf den Menschen, der vor uns sitzt.
Sondern auf das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben.
Wir wollen verstanden werden. Aber verstehen wir auch?
Vielleicht ist das der Punkt, der mich am meisten interessiert.
Wir wünschen uns, dass andere Menschen uns verstehen.
Dass sie erkennen, was wir können. Wer wir sind. Was wir meinen, wenn wir etwas sagen.
Wir möchten nicht auf einzelne Fehler reduziert werden. Nicht auf einen schlechten ersten Eindruck. Nicht auf irgendeine Vorstellung, die jemand von uns entwickelt hat.
Aber wie häufig schenken wir anderen Menschen dieselbe Aufmerksamkeit?
Wie häufig versuchen wir wirklich zu verstehen, was sie bewegt?
Nicht nur, was sie sagen.
Sondern warum sie es sagen.
Vielleicht ist der Mensch im Vorstellungsgespräch gar nicht so distanziert, wie du glaubst. Vielleicht ist er einfach erschöpft.
Vielleicht ist dein Date nicht desinteressiert, sondern nervös.
Vielleicht schaut jemand während deiner Präsentation auf sein Handy, weil gerade zu Hause etwas passiert ist.
Vielleicht.
Wir können es nicht wissen.
Aber genau das ist doch der Punkt.
Auch über uns selbst.
Ein kleiner Perspektivwechsel.
Ich glaube nicht, dass dieser Gedanke plötzlich jede Unsicherheit verschwinden lässt.
Vorstellungsgespräche werden dadurch nicht automatisch entspannter. Erste Dates nicht weniger aufregend. Und wer Angst davor hat, vor Menschen zu sprechen, wird vermutlich auch nach diesem Text noch nervös sein.
Aber vielleicht verändert sich etwas anderes.
Vielleicht betreten wir den nächsten Raum nicht mehr ausschließlich mit der Frage:
Was werden diese Menschen von mir denken?
Sondern mit einer zweiten:
Was erhoffen sich diese Menschen eigentlich von unserer Begegnung?
Vielleicht geht es dann nicht mehr nur darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Sondern auch darum, einen Menschen kennenzulernen.
Nicht nur darum, überzeugend zu sprechen.
Sondern darum, etwas Wertvolles zu vermitteln.
Nicht nur darum, gemocht zu werden.
Sondern herauszufinden, ob man sich gegenseitig überhaupt mag.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, uns Gedanken darüber zu machen, welchen Platz wir in den Köpfen anderer Menschen einnehmen.
Dabei vergessen wir manchmal, dass diese Menschen ein genauso komplexes Leben führen wie wir.
Mit Hoffnungen, Zweifeln, Erwartungen und vermutlich einer ganzen Menge Gedanken, die überhaupt nichts mit uns zu tun haben.
Und vielleicht ist das sogar beruhigend.
Denn nicht jeder Blick ist eine Bewertung.
Nicht jedes Schweigen ist Ablehnung.
Und nicht jede Begegnung ist eine Prüfung.
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