Über das Scheitern, schlechte Entscheidungen und unseren merkwürdigen Drang, aus allem etwas Positives machen zu müssen.
Benjamin Trinidad Segura
6 Min. Lesezeit
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Entweder du gewinnst oder du lernst.
Ein schöner Satz.
Einer dieser Sätze, die man liest, kurz innehält und sich denkt: Ja, stimmt eigentlich.
Und dann macht man weiter, bis einem das Leben irgendwann eine Situation präsentiert, in der man weder gewonnen noch besonders viel gelernt hat.
Außer vielleicht, dass das Leben gelegentlich ein ziemliches Arschloch sein kann.
Aber ich mag diesen Satz trotzdem.
Nicht, weil er immer stimmt.
Sondern weil etwas darin steckt, das wir meiner Meinung nach viel häufiger gebrauchen könnten.
Eine andere Perspektive auf das Scheitern.
Seit wann ist Scheitern eigentlich so schlimm?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir ständig dazu angehalten werden, Dinge auszuprobieren.
Verlasse deine Komfortzone.
Geh Risiken ein.
Trau dich.
Mach einfach.
Aber wehe, es funktioniert nicht.
Dann kommen plötzlich die Fragen.
„Warum hast du das gemacht?“
„War doch klar, dass das nicht funktioniert.“
„Hättest du dir das nicht vorher überlegen können?“
Ach so.
Wir sollen also mutig sein, Risiken eingehen und Neues ausprobieren.
Aber bitte nur, wenn wir vorher garantieren können, dass es funktioniert.
Interessantes Konzept.
Besonders faszinierend finde ich, wie schnell Menschen im Nachhinein wissen, was man hätte anders machen müssen.
Vorher war die Zukunft noch ungewiss.
Hinterher war natürlich alles offensichtlich.
Und manchmal machen wir das nicht nur mit anderen.
Sondern vor allem mit uns selbst.
Eine falsche Entscheidung ist nicht automatisch eine schlechte Entscheidung
Stell dir vor, du gründest ein Unternehmen.
Du recherchierst, planst, investierst Zeit, Geld und Energie.
Du glaubst an deine Idee.
Du versuchst es.
Und am Ende funktioniert es nicht.
War es deshalb eine schlechte Entscheidung?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht war die Idee gut, der Zeitpunkt falsch.
Vielleicht war die Idee schlecht, aber du hast unterwegs Fähigkeiten entwickelt, von denen du vorher nicht einmal wusstest, dass du sie brauchen würdest.
Vielleicht hast du Menschen kennengelernt, die dein Leben später verändern.
Oder vielleicht hast du tatsächlich einfach nur Geld verloren.
Auch das kommt vor.
Nicht jede Geschichte braucht einen versteckten Schatz am Ende.
Und umgekehrt bedeutet Erfolg nicht automatisch, dass wir alles richtig gemacht haben.
Manche Menschen treffen schlechte Entscheidungen und haben Glück.
Andere treffen durchdachte Entscheidungen und haben Pech.
Trotzdem behandeln wir die einen gerne als Genies und die anderen als Menschen, die es hätten besser wissen müssen.
Dabei vergessen wir etwas Entscheidendes:
Wir kennen meistens nur das Ergebnis.
Nicht alle Umstände.
Nicht alle Überlegungen.
Nicht alle Alternativen.
Und schon gar nicht die Zukunft, die diese Menschen zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung vor sich hatten.
Müssen wir eigentlich immer etwas lernen?
Zurück zu unserem schönen Satz.
„Entweder du gewinnst oder du lernst.“
So gerne ich ihn mag, eine Sache daran stört mich.
Er klingt manchmal so, als müssten wir jede Niederlage sofort in irgendeinen persönlichen Entwicklungsschritt verwandeln.
Beziehung gescheitert?
Wichtige Lektion.
Unternehmen gescheitert?
Wertvolle Erfahrung.
Job verloren?
Neue Chance.
Vielleicht.
Aber vielleicht möchtest du gerade auch einfach nur enttäuscht sein.
Vielleicht bist du wütend.
Vielleicht verstehst du nicht, warum etwas nicht funktioniert hat.
Und vielleicht hast du gerade überhaupt keine Lust, daraus eine wunderschöne Geschichte über persönliches Wachstum zu machen.
Musst du auch nicht.
Wir haben uns daran gewöhnt, selbst unsere Niederlagen möglichst produktiv gestalten zu wollen.
Als dürfte eine schlechte Erfahrung nur dann existieren, wenn wir sie anschließend gewinnbringend verwerten können.
Manchmal verlieren wir.
Punkt.
Und ich finde, das dürfen wir auch anerkennen.
Trotzdem würde ich es wieder versuchen
Ich habe selbst schon Entscheidungen getroffen, bei denen ich hinterher dachte:
Das hätte ich mir vielleicht sparen können.
Zeit investiert.
Energie reingesteckt.
Dinge angefangen, die nicht so funktioniert haben, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Und natürlich wäre es manchmal einfacher gewesen, es gar nicht erst zu versuchen.
Keine Enttäuschung.
Kein Risiko.
Kein Scheitern.
Aber auch keine Erfahrung.
Keine Möglichkeit, überrascht zu werden.
Keine Gelegenheit herauszufinden, ob aus einer Idee vielleicht doch etwas hätte entstehen können.
Und vor allem keine Antwort auf die Frage:
Was wäre gewesen, wenn ich es versucht hätte?
Ich glaube nicht, dass wir jedes Risiko eingehen sollten.
Ich glaube auch nicht, dass Mut bedeutet, sämtliche Warnzeichen zu ignorieren und blind gegen die nächste Wand zu laufen.
Man darf nachdenken.
Man darf zweifeln.
Man darf sich absichern.
Und man darf auch entscheiden, etwas nicht zu tun.
Aber ich finde es schade, wenn wir Dinge ausschließlich deshalb nicht versuchen, weil wir Angst davor haben, was andere Menschen über unser mögliches Scheitern denken könnten.
Denn dann entscheiden wir nicht mehr nur anhand unserer eigenen Wünsche, Möglichkeiten und Überzeugungen.
Sondern auch anhand der Urteile von Menschen, die am Ende vielleicht nicht einmal die Konsequenzen unserer Entscheidungen tragen müssen.
Vielleicht ist Gewinnen gar nicht immer das Ziel
Was wäre, wenn wir Erfolg nicht ausschließlich daran messen würden, ob am Ende das herauskommt, was wir uns vorgestellt haben?
Was wäre, wenn wir auch anerkennen könnten, dass jemand etwas versucht hat, obwohl der Ausgang ungewiss war?
Dass jemand seine Meinung geändert hat, weil neue Informationen dazugekommen sind?
Dass jemand aufgehört hat, obwohl er jahrelang für etwas gekämpft hat?
Oder dass jemand nach einer Niederlage noch einmal angefangen hat?
Nicht jede dieser Entscheidungen führt zum Erfolg.
Nicht jede macht uns stärker.
Und nicht jede wird irgendwann Sinn ergeben.
Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht.
Vielleicht besteht ein Teil unseres Lebens gerade darin, Entscheidungen zu treffen, ohne vorher zu wissen, ob sie die richtigen sein werden.
Zu hoffen, obwohl wir keine Garantie haben.
Etwas zu versuchen, obwohl wir scheitern könnten.
Und manchmal festzustellen, dass wir uns geirrt haben.
Nicht weil wir dumm waren. Sondern weil wir Menschen sind, die ihre Zukunft nicht kennen.
Und wenn du tatsächlich verlierst?
Dann verlierst du vielleicht.
Vielleicht tut es weh.
Vielleicht bereust du deine Entscheidung.
Vielleicht brauchst du Zeit.
Und vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem du auf das Ganze zurückblickst und etwas erkennst, das dir vorher nicht bewusst war.
Vielleicht lernst du daraus.
Vielleicht entsteht daraus etwas Neues.
Vielleicht aber auch nicht.
Ich würde deshalb den ursprünglichen Satz ein bisschen verändern.
Nicht:
„Entweder du gewinnst oder du lernst.“
Sondern:
„Vielleicht gewinnst du. Vielleicht verlierst du. Aber solange du bereit bist, deine Erfahrungen zu hinterfragen, besteht die Möglichkeit, etwas daraus zu lernen.“
Ich weiß.
Deutlich weniger geeignet für ein Motivationsposter.
Aber vielleicht ein bisschen ehrlicher.
Und irgendwie finde ich den Gedanken sogar schöner.
Denn er verspricht uns nicht, dass am Ende alles gut wird.
Er erinnert uns lediglich daran, dass eine Niederlage nicht zwangsläufig das Ende einer Geschichte sein muss.
Manchmal ist sie einfach eine Niederlage.
Und manchmal wird sie rückblickend zu dem Moment, an dem etwas Neues begonnen hat.
Welche Bedeutung wir ihr irgendwann geben können, wissen wir heute vielleicht noch gar nicht.
Und vielleicht ist genau das Grund genug, es trotzdem zu versuchen.
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