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Und vielleicht ist das nicht so schlimm, wie wir glauben.
Und vielleicht ist das nicht so schlimm, wie wir glauben.
Benjamin Trinidad Segura
5 Min. Lesezeit
Und vielleicht ist das nicht so schlimm, wie wir glauben.
Benjamin Trinidad Segura
5 Min. Lesezeit
Vielleicht bist du kein schlechter Mensch. Vielleicht gefällt jemandem einfach nicht, dass du nicht mehr der Mensch bist, den er von dir erwartet.
Es gibt Menschen, in deren Geschichte wirst du immer der Böse sein.
Nicht unbedingt, weil du etwas Schlechtes getan hast.
Sondern weil du eine Entscheidung getroffen hast, die ihnen nicht gefallen hat.
Weil du Nein gesagt hast.
Weil du dich verändert hast.
Weil du aufgehört hast, etwas zu tun, das sie von dir gewohnt waren.
Oder weil du zum ersten Mal etwas für dich selbst getan hast.
Und vielleicht ist das eines der schwierigsten Dinge, die wir akzeptieren müssen:
Ein guter Mensch zu sein bedeutet nicht, dass jeder Mensch uns für gut halten wird.
Wir alle haben Vorstellungen davon, was einen guten Menschen ausmacht.
Hilfsbereitschaft. Ehrlichkeit. Loyalität. Rücksichtnahme. Verständnis.
Aber was passiert, wenn diese Eigenschaften miteinander in Konflikt geraten?
Du möchtest ehrlich sein, aber deine Ehrlichkeit verletzt jemanden.
Du möchtest hilfsbereit sein, hast aber selbst keine Kraft mehr.
Du möchtest loyal sein, merkst aber, dass dir eine Beziehung nicht guttut.
Du möchtest Rücksicht nehmen, aber deine eigenen Bedürfnisse bleiben dabei auf der Strecke.
Was ist dann die richtige Entscheidung?
Und noch interessanter:
Wessen Vorstellung von einem guten Menschen versuchen wir eigentlich zu erfüllen?
Unsere eigene?
Oder die der Menschen um uns herum?
Ein Mensch, der immer Ja sagt, wird selten dafür kritisiert, dass er zu oft Ja sagt.
Zumindest nicht von denjenigen, die davon profitieren.
Ein Mensch, der immer erreichbar ist, wird selten dafür kritisiert, dass er sich zu viel Zeit für andere nimmt.
Zumindest nicht von denjenigen, die diese Zeit beanspruchen.
Und ein Mensch, der seine eigenen Bedürfnisse regelmäßig zurückstellt, wird möglicherweise als besonders selbstlos wahrgenommen.
Aber was passiert, wenn sich das verändert?
Wenn aus einem Ja plötzlich ein Nein wird?
Wenn jemand nicht mehr jederzeit erreichbar ist?
Wenn ein Mensch entscheidet, dass seine eigenen Wünsche genauso viel Aufmerksamkeit verdienen wie die anderer?
Vielleicht wird er egoistisch genannt.
Vielleicht undankbar.
Vielleicht heißt es sogar, er habe sich zum Schlechten verändert.
Dabei hat sich möglicherweise nur eines verändert:
Er erfüllt nicht mehr dieselben Erwartungen.
Vielleicht warst du für manche Menschen nur so lange ein guter Mensch, wie du ihre Erwartungen erfüllt hast.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Kritik ungerechtfertigt ist.
Aber es wirft eine Frage auf:
War die Anerkennung, die dieser Mensch zuvor erhalten hat, tatsächlich an seinen Charakter gebunden?
Oder an sein Verhalten gegenüber anderen?
Hier möchte ich einen wichtigen Unterschied machen.
Denn die Aussage „Sei der Böse in der Geschichte anderer“ kann auch gefährlich werden, wenn wir sie falsch verstehen.
Nicht jede Grenze ist vernünftig.
Nicht jede Entscheidung, die wir für uns treffen, ist automatisch richtig.
Und nicht jeder Mensch, der uns kritisiert, tut das, weil er unsere Entwicklung nicht akzeptieren kann.
Manchmal sind wir tatsächlich unfair.
Manchmal verletzen wir Menschen, obwohl wir es hätten vermeiden können.
Manchmal nennen wir unser Verhalten Selbstschutz, obwohl wir eigentlich Verantwortung vermeiden.
Für sich selbst einzustehen entbindet uns nicht davon, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen.
Aber umgekehrt gilt genauso:
Nur weil sich jemand durch unsere Entscheidung verletzt fühlt, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Entscheidung falsch war.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Jemand kann enttäuscht sein.
Und wir können trotzdem eine berechtigte Entscheidung getroffen haben.
Vielleicht liegt darin ein viel größeres gesellschaftliches Problem.
Wir beurteilen Menschen häufig anhand dessen, was wir über sie hören.
Oder anhand dessen, was wir selbst mit ihnen erlebt haben.
Ein ehemaliger Freund erzählt von einem Menschen, der ihn im Stich gelassen hat.
Eine ehemalige Partnerin erzählt von jemandem, der plötzlich kalt geworden ist.
Ein Familienmitglied erzählt von einem undankbaren Menschen, der sich kaum noch meldet.
Und möglicherweise stimmt alles, was diese Menschen erzählen.
Zumindest aus ihrer Perspektive.
Aber was wissen wir über die andere?
Vielleicht hat der Freund jahrelang versucht, eine einseitige Freundschaft aufrechtzuerhalten.
Vielleicht war die vermeintliche Kälte das Ergebnis zahlreicher erfolgloser Gespräche.
Vielleicht hat das Familienmitglied irgendwann erkannt, dass Nähe nicht automatisch bedeutet, jede Erwartung erfüllen zu müssen.
Oder vielleicht ist die beschuldigte Person tatsächlich derjenige, der sich falsch verhalten hat.
Wir wissen es nicht.
Und genau das vergessen wir erstaunlich häufig: Dass wir etwas nicht wissen.
Wir hören eine Geschichte und machen daraus ein Urteil.
Dabei kennen wir manchmal nicht einmal die Hälfte.
Nur weil du die Geschichte eines Menschen kennst, kennst du noch lange nicht die Wahrheit über einen anderen.
Es wird Menschen geben, die unsere Entscheidungen nicht verstehen.
Menschen, die enttäuscht sind.
Menschen, die uns für egoistisch halten.
Menschen, die sich eine andere Version von uns wünschen.
Und so unangenehm das sein kann:
Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass wir nicht jede dieser Erwartungen erfüllen können.
Nicht, weil uns andere egal sind.
Sondern weil wir selbst ebenfalls ein Mensch sind, dessen Bedürfnisse, Überzeugungen und Grenzen zählen.
Wir können versuchen, verständnisvoll zu handeln.
Wir können unsere Entscheidungen erklären.
Wir können Kritik ernst nehmen und Verantwortung übernehmen.
Aber wir können nicht garantieren, dass andere unsere Entscheidungen gut finden.
Und möglicherweise müssen wir das auch gar nicht.
Ich mag die ursprüngliche Aussage aus dem Video.
Aber ich würde sie etwas anders formulieren.
Du musst nicht bereit sein, der Böse zu werden. Du musst bereit sein, nicht von jedem für den Guten gehalten zu werden.
Das ist ein Unterschied.
Denn das Ziel sollte nicht sein, rücksichtslos durchs Leben zu gehen.
Es sollte auch nicht sein, Kritik grundsätzlich als Neid, Missgunst oder Unverständnis abzutun.
Vielleicht geht es vielmehr darum, Entscheidungen zu treffen, die wir vor uns selbst verantworten können.
Auch wenn andere sie nicht verstehen.
Dabei offen für die Möglichkeit zu bleiben, dass wir uns irren.
Und gleichzeitig zu akzeptieren, dass wir nicht jeden Menschen von unseren Absichten überzeugen können.
Vielleicht besteht ein Teil des Erwachsenwerdens darin, nicht mehr in jeder Geschichte der Held sein zu müssen.
Sondern ein Mensch zu sein.
Mit eigenen Bedürfnissen.
Mit Fehlern.
Mit Grenzen.
Und mit der Bereitschaft, dazuzulernen.
Denn am Ende sollten wir uns vielleicht weniger fragen, ob jeder Mensch uns für gut hält.
Sondern vielmehr:
Kann ich meine Entscheidungen vor mir selbst verantworten, auch wenn andere sie anders beurteilen?
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