Wir passen uns an, halten Meinungen zurück und verändern uns, um dazuzugehören. Doch wo endet gesunde Rücksichtnahme und wo beginnt Selbstverleugnung?
Benjamin Trinidad Segura
4 Min. Lesezeit
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Eine Chili ist scharf.
Manche Menschen lieben sie dafür. Andere können nichts mit ihr anfangen.
Und niemand käme auf die Idee, einer Chili vorzuwerfen, dass sie nicht süß genug ist.
Bei Menschen scheint das anders zu sein.
Wir passen uns an. Verändern unsere Ausdrucksweise, halten Meinungen zurück, unterdrücken Eigenschaften und versuchen herauszufinden, welche Version von uns anderen am besten gefallen könnte.
Nicht unbedingt, weil wir unehrlich sein wollen.
Sondern weil wir dazugehören möchten.
Weil Ablehnung unangenehm ist.
Weil wir gemocht werden wollen.
Und weil es manchmal einfacher erscheint, etwas von uns selbst zurückzuhalten, als zu riskieren, dass jemand genau diesen Teil nicht mag.
Abschnitt / 12
Wie viel von dir bleibt übrig?
Anpassung gehört zum menschlichen Zusammenleben.
Wir können nicht jederzeit alles sagen, was wir denken. Wir müssen Rücksicht nehmen, Kompromisse eingehen und unser Verhalten gelegentlich hinterfragen.
Das ist nicht automatisch Selbstverleugnung.
Im Gegenteil: Die Fähigkeit, sich auf andere Menschen einzustellen, kann Ausdruck von Empathie, Respekt und persönlicher Reife sein.
Aber irgendwo verläuft eine Grenze.
Zwischen Rücksichtnahme und Selbstaufgabe.
Zwischen einem Kompromiss und dem Versuch, jemand anderes zu werden.
Zwischen persönlicher Entwicklung und der Überzeugung, dass die eigene Persönlichkeit grundsätzlich nicht ausreicht.
Und manchmal bemerken wir erst sehr spät, dass wir diese Grenze längst überschritten haben.
Vielleicht, weil wir irgendwann selbst nicht mehr unterscheiden können, welche Entscheidungen wir aus Überzeugung treffen und welche aus Angst vor Ablehnung.
Abschnitt / 23
Nicht jede Ablehnung bedeutet, dass etwas mit dir nicht stimmt.
Wir neigen dazu, die Reaktionen anderer Menschen als Bewertung unserer eigenen Person zu verstehen.
Wenn jemand uns nicht mag, fragen wir uns, warum.
War ich zu direkt?
Zu laut?
Zu ruhig?
Zu emotional?
Zu eigenartig?
Hätte ich mich anders verhalten sollen?
Dabei übersehen wir etwas Entscheidendes:
Nicht jede zwischenmenschliche Unvereinbarkeit ist ein persönliches Defizit.
Manchmal passen Menschen schlicht nicht zueinander.
Ihre Erwartungen unterscheiden sich. Ihre Interessen, Wertvorstellungen, Vorstellungen von Nähe oder ihre Art zu kommunizieren.
Und manchmal gibt es dafür nicht einmal einen konkreten Grund.
Das bedeutet nicht, dass einer von beiden falsch ist.
Du kannst ein guter Mensch sein und trotzdem nicht der richtige Mensch für jemanden.
Genauso kann jemand anderes ein guter Mensch sein und trotzdem nicht zu dir passen.
Abschnitt / 40
Aber Authentizität ist kein Freifahrtschein.
Es wäre allerdings zu einfach, daraus abzuleiten, dass wir niemals etwas an uns verändern sollten.
Nicht jede Kritik ist ein Angriff auf unsere Persönlichkeit.
Nicht jede Ablehnung entsteht, weil andere uns nicht verstehen.
Und nicht jede Eigenschaft verdient es, bedingungslos verteidigt zu werden.
Wer andere verletzt, kann sich nicht grundsätzlich darauf berufen, eben so zu sein.
Wer ständig die Bedürfnisse anderer ignoriert, wird dadurch nicht automatisch authentisch.
Und wer jede Form von Selbstreflexion ablehnt, verwechselt möglicherweise Selbstakzeptanz mit Stillstand.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied:
Es geht nicht darum, jede Eigenschaft für unveränderlich zu erklären.
Sondern darum, zu verstehen, aus welchem Grund wir uns verändern.
Aus Überzeugung?
Aus Erkenntnis?
Aus Rücksicht?
Oder ausschließlich aus Angst, sonst nicht akzeptiert zu werden?
Abschnitt / 56
Vielleicht müssen wir nicht weniger wir selbst sein.
Vielleicht müssen wir lediglich akzeptieren, dass nicht jeder Mensch mit unserer Persönlichkeit etwas anfangen kann.
Dass wir manchmal missverstanden werden.
Dass manche Menschen uns mögen und andere nicht.
Und dass wir selbst ebenfalls nicht mit jedem Menschen harmonieren.
Das ist kein Scheitern.
Es ist ein Bestandteil menschlicher Beziehungen.
Denn eine Verbindung, die nur funktioniert, solange wir wesentliche Teile unserer Persönlichkeit verstecken, wirft irgendwann eine unangenehme Frage auf:
Mag dieser Mensch eigentlich mich – oder die Version von mir, die ich für ihn erschaffen habe?
Vielleicht besteht persönliche Entwicklung deshalb nicht immer darin, jemand anderes zu werden.
Manchmal besteht sie darin, wieder herauszufinden, wer wir eigentlich sein möchten.
Und den Mut zu entwickeln, diesem Menschen auch dann treu zu bleiben, wenn nicht jeder damit etwas anfangen kann.
Abschnitt / 68
Schlussgedanke
Du musst nicht jedem gefallen.
Du musst nicht für jeden interessant, sympathisch, verständlich oder passend sein.
Du darfst Fehler machen, dazulernen und dich verändern.
Aber vielleicht solltest du dich dabei gelegentlich fragen:
Werde ich gerade zu einem Menschen, der ich selbst sein möchte?
Oder zu einem Menschen, von dem ich glaube, dass andere ihn lieber mögen würden?
Denn zwischen diesen beiden Entwicklungen kann ein ganzes Leben liegen.
Diskussion
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