Warum wir Menschen die Macht geben, über unsere Entscheidungen zu bestimmen, obwohl sie deren Konsequenzen nicht tragen müssen.
Benjamin Trinidad Segura
6 Min. Lesezeit
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Es gibt Menschen, deren Meinung uns wichtiger ist als unsere eigene.
Manchmal kennen wir diese Menschen kaum. Manchmal kennen wir sie schon unser ganzes Leben.
Und manchmal reicht bereits die Vorstellung davon, was jemand über uns denken könnte, um uns davon abzuhalten, etwas zu tun.
Wir sprechen eine Idee nicht aus.
Wir bewerben uns nicht auf eine Stelle, weil wir glauben, nicht gut genug zu sein.
Wir gründen kein Unternehmen, weil andere möglicherweise darüber lachen könnten.
Wir zeigen nicht, wer wir wirklich sind, weil wir befürchten, dafür verurteilt zu werden.
Nicht unbedingt, weil wir selbst davon überzeugt sind, dass unsere Entscheidungen falsch wären.
Sondern weil wir Angst davor haben, dass andere sie falsch finden könnten.
Dabei übersehen wir etwas Entscheidendes:
Die Menschen, deren Urteil wir fürchten, müssen nicht mit den Konsequenzen unserer unterlassenen Entscheidungen leben.
Das müssen wir.
Abschnitt / 14
Warum geben wir fremden Meinungen so viel Gewicht?
Menschen sind soziale Wesen.
Wir möchten dazugehören. Anerkannt werden. Verstanden werden.
Die Meinung anderer ist uns deshalb nicht grundlos wichtig.
Sie hilft uns, unser Verhalten einzuordnen, Fehler zu erkennen und unterschiedliche Perspektiven zu verstehen.
Problematisch wird es allerdings, wenn aus dieser Orientierung eine Abhängigkeit entsteht.
Wenn wir nicht mehr fragen, ob eine Entscheidung für uns richtig ist, sondern ausschließlich, wie andere darauf reagieren könnten.
Wenn wir beginnen, unsere Möglichkeiten danach zu bewerten, wie wenig Angriffsfläche sie bieten.
Und wenn wir irgendwann ein Leben führen, das weniger unseren eigenen Überzeugungen entspricht als den Erwartungen unseres Umfelds.
Dann haben wir möglicherweise eines erreicht:
Wir vermeiden Kritik.
Aber zu welchem Preis?
Abschnitt / 26
Nicht jede Meinung verdient denselben Einfluss.
Stell dir vor, du möchtest ein Unternehmen gründen.
Du erzählst jemandem davon.
Die Antwort?
„Das funktioniert sowieso nicht.“
Vielleicht hat diese Person recht.
Vielleicht hast du wesentliche Risiken übersehen. Vielleicht ist dein Geschäftsmodell nicht tragfähig. Vielleicht fehlt dir tatsächlich etwas Entscheidendes.
Aber vielleicht hat diese Person auch einfach Angst vor Veränderungen.
Vielleicht würde sie selbst niemals ein Unternehmen gründen.
Vielleicht betrachtet sie jedes Risiko grundsätzlich als Fehler.
Oder sie kann sich schlicht nicht vorstellen, dass dein Vorhaben funktionieren könnte.
Das bedeutet nicht, dass ihre Meinung wertlos ist.
Es bedeutet lediglich, dass eine Meinung nicht automatisch zu einer Wahrheit wird, nur weil jemand sie selbstbewusst ausspricht.
Wir sollten deshalb lernen, zwischen einer begründeten Einschätzung und einer persönlichen Überzeugung zu unterscheiden.
Jemand kann überzeugt davon sein, dass etwas nicht funktioniert, ohne tatsächlich zu wissen, ob es funktionieren kann.
Und jemand kann uns kritisieren, obwohl er selbst niemals bereit wäre, denselben Schritt zu wagen.
Beides darf er.
Die entscheidende Frage ist nur:
Warum sollte seine persönliche Grenze automatisch zu unserer werden?
Warum sollte die persönliche Grenze eines anderen Menschen automatisch zu unserer werden?
Abschnitt / 46
Menschen beurteilen Möglichkeiten anhand ihrer eigenen Erfahrungen.
Was für einen Menschen unmöglich erscheint, kann für einen anderen selbstverständlich sein.
Was der eine als unverantwortlich betrachtet, empfindet der andere als notwendiges Risiko.
Was für jemanden nach Größenwahn klingt, ist für jemand anderen vielleicht ein realistisches Ziel.
Unsere Erfahrungen prägen unsere Vorstellungen davon, was möglich ist.
Und das gilt für uns genauso wie für die Menschen, die uns beurteilen.
Deshalb sollten wir vorsichtig damit sein, fremde Überzeugungen ungeprüft zu unseren eigenen zu machen.
Nicht jeder, der uns von etwas abrät, möchte uns kleinhalten.
Manche Menschen möchten uns tatsächlich schützen.
Andere möchten verhindern, dass wir Fehler machen, die sie selbst gemacht haben.
Und wieder andere übertragen ihre eigenen Ängste auf unsere Entscheidungen, ohne es überhaupt zu bemerken.
Gute Absichten machen eine Einschätzung nicht automatisch richtig.
Genauso wenig macht fehlende Erfahrung eine Meinung automatisch falsch.
Entscheidend ist, ob wir verstehen, worauf sie beruht.
Abschnitt / 60
Kritik ist nicht dein Feind. Aber sie ist auch nicht dein Richter.
Es wäre einfach, daraus den Schluss zu ziehen, dass uns die Meinungen anderer vollkommen egal sein sollten.
Aber wäre das wirklich klug?
Wir brauchen Menschen, die uns widersprechen.
Menschen, die unsere Ideen hinterfragen.
Menschen, die Dinge erkennen, die wir selbst übersehen.
Manchmal ist gerade die Kritik, die wir am wenigsten hören möchten, diejenige, die uns am meisten weiterbringt.
Der Unterschied liegt darin, was wir anschließend mit ihr machen.
Wir können Kritik ernst nehmen, ohne uns ihr bedingungslos zu unterwerfen.
Wir können zuhören, ohne automatisch zuzustimmen.
Wir können unsere Entscheidungen hinterfragen, ohne sie sofort aufzugeben.
Und wir können anerkennen, dass jemand anderer Meinung ist, ohne daraus abzuleiten, dass wir falschliegen müssen.
Eine fremde Meinung darf unsere Perspektive erweitern. Sie muss nicht unsere Identität bestimmen.
Abschnitt / 73
Wie viele unserer Entscheidungen sind wirklich unsere eigenen?
Vielleicht liegt das eigentliche Problem noch etwas tiefer.
Denn wie häufig hinterfragen wir überhaupt, woher unsere Vorstellungen vom Leben stammen?
Was bedeutet Erfolg für uns?
Was bedeutet Sicherheit?
Was bedeutet es, etwas aus seinem Leben zu machen?
Und wer hat uns beigebracht, wie die Antworten darauf aussehen sollen?
Unsere Eltern?
Unsere Freunde?
Unsere Partner?
Die Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind?
Vielleicht verfolgen wir Ziele, die wir nie bewusst selbst gewählt haben.
Vielleicht halten wir Dinge für unmöglich, weil uns irgendwann jemand gesagt hat, dass sie unmöglich seien.
Vielleicht haben wir gelernt, bestimmte Entscheidungen als vernünftig und andere als verantwortungslos zu betrachten, ohne diese Unterscheidung jemals zu hinterfragen.
Natürlich entstehen unsere Überzeugungen nicht unabhängig von unserer Umwelt.
Das müssen sie auch nicht.
Aber zwischen dem Übernehmen einer Überzeugung und dem bewussten Entscheiden für sie liegt ein Unterschied.
Nur weil wir etwas schon lange glauben, bedeutet das nicht, dass wir es irgendwann selbst entschieden haben.
Abschnitt / 91
Was, wenn wir weniger Angst davor hätten, beurteilt zu werden?
Vielleicht würden wir häufiger Dinge ausprobieren.
Vielleicht würden wir uns auf Stellen bewerben, deren Anforderungen wir nicht vollständig erfüllen.
Vielleicht würden wir endlich die Idee verfolgen, über die wir seit Jahren nachdenken.
Vielleicht würden wir Menschen sagen, was wir wirklich fühlen.
Vielleicht würden wir öfter zugeben, dass wir etwas nicht wissen.
Oder dass wir etwas möchten, das andere nicht verstehen.
Natürlich könnten wir scheitern.
Natürlich könnten andere Menschen darüber lachen.
Und natürlich könnten wir Entscheidungen treffen, die sich rückblickend als falsch herausstellen.
Aber all das kann auch passieren, wenn wir ausschließlich versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Der Unterschied?
Im einen Fall haben wir selbst entschieden.
Im anderen haben wir unsere Entscheidung möglicherweise Menschen überlassen, die nicht einmal wussten, welchen Einfluss sie auf uns hatten.
Du kannst scheitern, wenn du deinen eigenen Weg gehst. Aber du kannst auch scheitern, wenn du ausschließlich versuchst, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Welches Scheitern würdest du eher in Kauf nehmen?
Abschnitt / 106
Du musst niemandem beweisen, dass dein Weg richtig ist.
Vielleicht müssen wir gar nicht lernen, die Meinungen anderer zu ignorieren.
Vielleicht müssen wir vielmehr lernen, ihnen den richtigen Platz zu geben.
Nicht jede Kritik ist ein Angriff.
Nicht jedes Lob ist eine Bestätigung.
Nicht jeder Zweifel ist berechtigt.
Und nicht jede Überzeugung, die wir seit Jahren mit uns herumtragen, stammt ursprünglich von uns selbst.
Manchmal lohnt es sich deshalb, innezuhalten und zu fragen:
Will ich das wirklich nicht?
Oder habe ich nur Angst davor, was andere darüber denken könnten?
Ist das tatsächlich meine Grenze?
Oder habe ich irgendwann die Grenze eines anderen Menschen übernommen?
Wir werden niemals vollständig kontrollieren können, was andere über uns denken.
Und vielleicht müssen wir das auch gar nicht.
Denn am Ende geht es nicht darum, ein Leben zu führen, das niemand kritisieren kann.
Sondern darum, eines zu führen, hinter dem wir selbst stehen können.
Die Meinung anderer darf Teil deiner Entscheidung sein.
Aber sie sollte nicht darüber entscheiden, welches Leben du führst.
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